Fashion Punk bedeutet heute im Grunde das Streben nach Individualismus im Bekleidungsverhalten im Konformismus der Influencer-geprägten Massenkonsumkultur. Fashion Punk richtet sich also gegen das Mainstream-Fashion-Establishment, es geht dabei darum, den Mut aufzubringen, einen eigenen Stil zu entwickeln und zu kultivieren.
Es erfordert in der durch Social Media geprägten Gesellschaft viel Mut, einen eigenen Stil, der eben nicht Mainstream ist, oder einen individuellen Look zu leben, zu präsentieren. Wer sich nicht „unterwirft“ wird häufig „gecanceled“ und schnell wird aus einem Alleinstellungsmerkmal eine „Alleinstellung“.
Auch führt die Tatsache, dass eine Person viele „Follower“ hat, häufig dazu, dass den Aussagen dieser Person mehr Bedeutung beigemessen wird. Viele Menschen versuchen dann auch diesen Personen ähnlich zu werden, entweder um ebensolche Bedeutung zu haben oder einfach nur, um auf der „richtigen Seite“ zu stehen, das „Richtige“ zu tun. Richtig – „richtig“ wird derart zum Mehrheitsbeschluss, über Wahrheit wird also demokratisch abgestimmt.
Ähnlich wie dem Punk in den 1970er Jahren geht es dem Fashion Punk heute um eine Auflehnung gegen die gelebte Konsumkultur und das Establishment. Der Fashion Punk hat in Bezug auf sein Bekleidungsverhalten eine antiautoritäre Grundhaltung und lässt sich keine ästhetischen Ideale vorschreiben, unterwirft sich keinen gesellschaftlichen Zwängen. Auch dem ständigen Modewandel widersetzt sich der Fashion Punk indem er einen eigenen Stil entwickelt und kultiviert. Seine Selbstdarstellung gründet auf einer tiefen und vollständigen Auseinandersetzung mit seiner eigenen Persönlichkeit und manifestiert sich in einem individuellen Stil, der nur der eigenen Bewertung unterworfen ist. Der Fashion Punk erwartet keine Akzeptanz, keinen Beifall und auch keine Follower in Bezug auf seine Kleiderwahl.
Dabei geht es dem Fashion Punk (anders als dem Punker der 1970er Jahre) nicht um groteskes Aussehen im Vergleich zum Mainstream, da der in Social Media propagierte Mainstream ja vom Fashion Punk als eher grotesk empfunden wird. Es geht dem Fashion Punk viel mehr um den Mut, die eigene Individualität zu zeigen, sich in sich selbst sicher genug zu fühlen und nicht jedem modischen Trend folgen zu müssen. Auch der Fashion Punk ergänzt immer wieder einmal seine Garderobe, sortiert Teile, die nicht mehr zu ihm passen aus. Allerdings geschieht dies im Rahmen seiner eigenen Stilwelt und unabhängig von sogenannten Modezyklen, die konsumorientiert (heute) über Social Media gesteuert werden.
Ein echter Fashion Punk würde sich auch dann nicht in einen Jagd-Flucht-Kreislauf (wie durch Simmel beschrieben) drängen lassen, wenn er zahlreiche Nachahmer fände. Ein echter Fashion Punk würde niemals seinen Stil verändern, um „anders“ zu sein, um herauszustechen – das ist nicht seine Intention. Es geht nicht darum, „einzigartig“ zu sein, es geht darum die eigene Individualität auszudrücken, dem eigenen Stil treu zu bleiben. Damit verhält sich ein Fashion Punk in Bezug auf seinen Bekleidungskonsum bereits äußerst nachhaltig, denn ein eigener Stil ist die nachhaltigste Art sich dem Thema Mode zu nähern…
Foto: RMGLATZER
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